8 Jahre Montagsdemo - immer noch attraktiv!

24.08.2012 Eine Montagsdemonstrantin aus Mannheim schreibt:

Wie ich zur Montagsdemo kam

Montagsdemo? Gehört hatte ich schon mal davon, doch näheres wusste ich nicht über diese soziale Bewegung, der ich mittlerweile angehöre.

Jeden Montag treffen sich Mitglieder und Interessierte um 18 Uhr in vielen Städten Deutschlands, um gegen die Hartz 4 Gesetze und soziale Ungerechtigkeiten zu demonstrieren. Jede Woche wird ein Thema gewählt, zu dem sich jeder am offenen Mikrofon 3 Minuten lang äußern kann.

In Mannheim findet die Demo am Paradeplatz statt, wo ich die Gruppe das erste Mal traf.
Es war im Sommer 2011, endlich konnte ich die Jahreszeit wieder außerhalb von Psychiatrie-Mauern genießen. Die leichte Sommerkleidung, die ich trug, konnten die Folgen der Magersucht nicht verbergen. Ich versuchte, den verständnislosen oder gar feindseligen Blicken auszuweichen.
So bekam ich von meiner Umgebung nicht viel mit, während ich mein Fahrrad über den Paradeplatz schob.

Als ich endlich aufsah, bemerkte ich eine blonde Frau, die sich aus der Gruppe der Demonstranten löste und mit einem Info Flyer in der Hand auf mich zukam. Ihr Blick war offen und freundlich, so ganz anders als die sonst bestenfalls mitleidigen Blicke meiner Umgebung.
„Hallo“ sagte sie „darf ich dir etwas über die Montagsdemo erzählen?“
Normalerweise gehe ich solchen Veranstaltungen aus dem Weg, möchte nicht angesprochen werden. Ich weiß nie, was ich sagen soll, möchte nicht als politisch ahnungslos enttarnt werden.
Aber die Frau, die sich als Doro vorstellte, war mir auf Anhieb sympathisch, ich beschloss, das Risiko einzugehen und blieb.
Während sie erzählte, besah ich mir die Umgebung, es gab einen Stand mit Info Material und mehrere Transparente, die die Gruppe aufgehängt hatte. Da bemerkte ich auch die Kundgebung am Mikrofon.
Ob ich denn auch etwas über die Stigmatisierung von Hartz 4 Empfängern sagen möchte? fragte Doro.

Wer mich bis dahin kannte, wusste, dass mich allein die Vorstellung, vor all diesen Leuten zu sprechen, in Panik versetzte. Ich musste ohnehin nach Hause, um mein Sportzeug zu holen, war schon anderweitig verplant, wie ich Doro erklärte.
Sicher hielt sie es für eine Ausrede, zunächst war es auch eine. Doch schon während ich mich von der Gruppe entfernte, spürte ich, dass ich längst Feuer gefangen hatte. Ich musste mich trauen, am Mikro zu sprechen, einfach weil es da war. In meinem grenzenlosen Optimismus sah ich eine Chance, etwas zu verändern und für meine Überzeugungen einzustehen.

Was ich sagen wollte, wusste ich noch nicht, es war besser, sich einfach in die Aufgabe hineinzustürzen. Nicht lange nachdenken, das würde nur meine Ängste schüren, womöglich wäre ich dann doch zu feige.

Als ich an den Paradeplatz zurückkehrte, hatte Doro gerade die Moderation übernommen. In ihrer Nähe stand eine Gruppe Jugendlicher, die sich während ihrer Rede gegenseitig anstießen und Kommentare dazwischenriefen; Sie schienen unentschlossen, ob sie politisches Engagement nun total cool oder völlig daneben finden sollten.

„Na, traut ihr euch, wollt ihr nicht auch was zum Thema sagen?“ sprach Doro sie an.
Unsichere Blicke und spöttisches Grinsen war die Antwort.
„Ey mach du, sag was, nee Mann, mach doch selber“

Sie wollten nicht. Aber ich wollte. Ich bedeutete Doro mein Interesse und übernahm schnell das Mikro, ehe ich es mir anders überlegen konnte.
Wieder sah ich zu Boden, doch ich sprach – von meinem Status als Hartz 4 Empfängerin, meiner Arbeit in einer sozialpsychiatrischen Tagesstätte, vom Jobcenter, das meinen Antrag auf Reha ablehnte….
Es fühlte sich richtig an, das alles zu sagen. Als ich fertig war, hörte ich die Umstehenden klatschen.
Seitdem gehöre ich dazu. Dank der Bewegung habe ich meine Stimme gefunden – und die Erkenntnis, dass die Freundlichkeit eines einzigen Menschen dein Leben verändern kann.

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MLPD Mannheim/Heidelberg